Steh´ ich da als Vertretung hinter der Theke vom Chlodwig-Eck, zapfe Bier, spüle Gläser und rauche mal wieder zwei Zigaretten gleichzeitig - eine in der trockenen Hand, eine im Aschenbecher - und denke an nix Böses, kommt diese Asi-Type an, gibt mir ein Bier aus und sagt:
„Isch ben dä Franz. Isch däät misch ens jään met dir ungerhalde.“
„Dunn dat“, erwidere ich, freundlicher Zappes, der ich bin.

... „Ja, nit he övver die Thek´. Häste nit ens fünnef Minutte Zick?“
Was tut man nicht alles für ein Bier. Ich melde mich bei meiner Kollegin zu einer kleinen Zigarettenpause ab. Nehme mir zwei Bier und setze mich zu „däm Franz“, nachdem ich ihm noch zwei Striche auf den Deckel gemalt habe.
„Isch hann disch jetz ald e paar Moont beobachtet“, eröffnet er. Ich gucke blöd - ein Talentscout aus Hollywood? Der Mann vom Gesundheitsamt? Ein Zuhälter? Ein verliebter Schwuler? „- beim Arbeide.“ Aha. „Isch finge, du määs´ dat, wie m´r dat maache muss.“ Sind wir uns da schon mal einig. Die nächsten beiden geh´n auf mich. „Isch hann zick vier Johr dä Backes in d´r Darmstädter Strooß. Jeden Daag op, vun fünnef bis eins, zwei, drei. Un´ putze dä Lade och noch selver.“ Fleißiges Kerlchen.
„Und warum erzählst du mir das?“
„Isch bruche - eh, ming Frau will in Urlaub. Un isch soll met.“
„Ja, sei doch froh.“
„Ävver minge Lade weed nit zwei Woche zojemaaht, bloß weil isch en Urlaub muss. Un isch kenne keiner, däm isch minge Lade aanvertrauen däät.“ Aha.
„Außer mir.“
„Usser dir. Vielleisch.“
„Ich - in der Rockerkneipe?“
„Minge Lade es kein Rockerkneip´. Do verkehren zwar e paa´ vun dä Junge, ävver die lossen dä Rocker drusse. Met ihrer Schmutzjack´. Minge Lade es kein Rockerkneip´- usser wenn isch dat will.“
Ich war noch nie im Backes. Eigentlich komisch, dabei wohne ich doch um die Ecke, und eigentlich kenne ich spätestens nach drei Monaten alle Kneipen in walking distance überall, egal, wo ich wohne. Aber diese hat eben diesen unangenehmen Ruf. Ich bin fünfunddreißig und mein Bedarf an Rockertreffs mit all ihren Begleiterscheinungen ist eigentlich gedeckt. Und meine letzte Schmutzjacke passt mir auch schon ´ne Weile nicht mehr.
„Ich war noch nie im Backes.“
„Do weed et vielleisch ens Zick.“ Ich bin fünfunddreißig, wie gesagt, die Schroeder Roadshow ist schon ein paar Monate ohne mich unterwegs, und ich bin ein freier Mann. Und ein freier Mann, der ewig pleite ist. Und ein Mann, der Kneipen liebt.
„Ich mach´ hier um eins Feierabend. Wann machst du denn zu?“
„Kriss schon noch e Bier.“
„Ja dann - bis dann.“
„Bes dann.“

Allerdings kriege ich noch ein Bier, als ich um halb zwei im Backes einlaufe, wo drei müde Gestalten dem Wirt beim Lou Reed-Hören zugucken. Noch cirka dreiundzwanzig Bier, genauer gesagt - wenn zwei Menschen sich näher kennen lernen wollen, haben sie sich viel zu erzählen. Obwohl, mein Urteil ist schon ziemlich schnell gefällt: Jemand, der mir um vier Uhr morgens noch lachend ein Bier zapft, kann kein schlechter Mensch sein.
Weswegen er mich dann auch um halb sechs so weit hat, dass ich ihm zusage, seine Urlaubsvertretung zu machen.
„Eine unserer größten Plagen ist von uns genommen“, erzähle ich am nächsten Mittag meinem anderen Chef und Kumpel, „wir müssen nicht mehr nachts um eins in teure Taxen steigen und in die Stadt fahren, um noch einen Absacker zu kriegen. Es gibt jetzt noch einen anständigen Laden um die Ecke.“ Das muss ich natürlich noch am gleichen Abend beweisen, nachdem wir um eins sein Out abgeschlossen haben. Hier können wir nämlich nach eins nicht mehr bleiben, der netten Nachbarn wegen. Testen wir also den Backes.
Was wieder bis fünf Uhr dauert. Und am nächsten Abend beweise ich das einer Freundin, und am übernächsten einem Kollegen, und alle sagen: „Das is´ aber ´ne schöne, gemütliche Kneipe!“ und: „Das is´ aber ein netter, lustiger Wirt!“ - und schon haben wir alle eine neue Stammkneipe. Und schon kann ich das ganze blöde Taxigeld sinnvoll verbraten. Und schon muss keiner mehr sechs Kneipen abklappern, wenn er mich treffen will. Weswegen mein neues Stammlokal auch bald „Das Zentrum für´s Wesentliche“ genannt wird. Und alle bringen noch eine oder einen mit, die dann beim nächsten Mal wieder einen oder eine mitbringen. Und als es dann endlich Sommer wird, kann „dä Franz“ sich seine Urlaubsvertretung auch leisten.

Wie´s dann so ist, wenn jeder mal einen mitbringt – es entsteht ein nette Mischung von Leuten, die mehr oder weniger zusammenpassen. Und da viele der Leute, mit denen ich zu tun hab´, Musiker sind, landeten früher oder später halt jede Menge Leute dort, die was mit Musik zu tun haben. Oder Kultur im weitesten Sinne.
Im Laufe der Jahre habe ich im Backes ein Bier mit einem ganze Band Rockgeschichte getrunken – ich lernte dort Johnny Hammond kennen, den legendären Pianisten von Chuck Berry, genau so wie Hannes Wader; ich bin dort mit Drafi Deutscher, Anne Haigis und Ina Deter ebenso versackt wie mit Ruth Schiffer, Gaby Köster und den Herren Köster & Hocker. Wir hatten Spaß mit Joachim Król, Elke Heidenreich, Brösel und Jürgen Zeltinger (okay, nicht nur Spaß); und Spaß mit uns hatten offensichtlich Stoppok, Christian Kahrmann und Ingo Appelt, der Bassist von Billy Joel, der Schlagzeuger von Chic und die Gitarristen von BAP, Brings und Iron Butterfly; und wie viele Kölsch ich an dieser Theke mit Wilfried Schmickler und seinen Kollegen weggekippt habe, möchte ich schon deshalb nicht erwähnen, weil ja nicht auszuschließen ist, dass auch mein Hausarzt dieses Buch liest.
Promi-Namedropping? Von mir aus. Na und? Auch, dass man gelegentlich „däm Fränzje“ (und mir) Prominentengeilheit vorgeworfen hat, kann uns beiden nur ein müdes Schulterzucken entlocken – Tatsache ist, dass das alles überaus interessante, nette und lustige Menschen waren, dass Kneipen, in denen solche Menschen regelmäßig verkehren, brummen, und dass es sehr viel mehr Spaß macht, in Kneipen zu versacken, die brummen, als in solchen, wo jeder, der sich hin verirrt, schon an der Tür sagt „Och, komm, lass uns woanders hingehen – hier is´ ja nix los“, und wo der Wirt einen Herzinfarkt kriegt, weil einer der drei Unentwegten, die über der Theke hängen, schon das dritte Bier bestellt.
Und außerdem hab´ ich ja noch gar nicht alle erwähnt, und schon gar nicht, in welch vielfältiger Form wir Spaß hatten. Und das nicht etwa, weil ich Angst habe, dass es mir ergeht wie Maxim Biller, sondern weil das schlicht kein Schwein was angeht. Wer´s genauer wissen will, muss sich halt schlauer machen. Und da meine ich nicht googeln.