Gutbürgerliche Kneipen sind nicht das Ding von Franz Kirchen und Barbara Petry. Kirchens Eltern und die vielen Geschwister, eine Kneipen-Dynastie, haben gutbürgerliche Kneipen. Franz wollte es anders machen. 1983 macht der Backes auf, in einer Seitenstraße, wo zunächst niemand vorbei kommt... ... "In der Anfangszeit lief es fürchterlich. Die Straße war tot. Außer dem Schuster gab es nichts", sagt Wirtin Barbara. Nach drei Jahren erst hatte es sich dann herumgesprochen, dass es den Backes in der Darmstädter Straße gibt, etwas abseits vom Chlodwigplatz. Künstler und Musiker, die heute in Köln und Umland bekannt sind, traten zu Beginn ihrer Karriere im Backes auf; wer genau auch heute noch zu den Gästen zählt, will die Wirtin nicht verraten: "Eine starke Leber, ein ruhiges Gemüt, ein offenes Ohr und ein geschlossener Mund zeichnen einen guten Wirt aus", sagt Barbara Petry. Musik des gleichnamigen Schlager-Sängers hört man im Backes nicht. Anfang der 90er Jahre war der Backes Schauplatz einer Billard-Wette von Wirt Franz und Arno Steffen, bekannt geworden mit der Band LSE. Verlierer Franz musste sich in der Kneipe einen Minipli machen lassen. Für 20 DM Eintritt war der Backes voll, der Erlös ging an die Heinrich-Böll-Stiftung nach Wolgograd.

Auch der Club der anonymen Verlierer (kurz: CDAV) trifft sich im Backes. Wer dazu gehört, weiß natürlich niemand. Der CDAV hat fünfzehn Vorstandsmitglieder und ein Mitglied. "Es gibt so viele Clubs, da brauchten wir auch einen", sagt Franz, der um den mysteriösen Club viele Fragen offen lässt. "Ich habe einmal gefragt, wer das eine Mitglied ist. Zack, war ich das", berichtet ein Stammgast. Wer mehr wissen oder vielleicht auch Mitglied werden will, sollte die Wirte nach dem CDAV fragen.

Der Backes hat in der Woche ab 17 Uhr geöffnet, am Wochenende ab 20 Uhr. Reissdorf-Kölsch wird für 1,35 Euro ausgeschenkt. "Wie viel hab ich damals noch für die neunzehn Hefeweizen bezahlt?", fragt ein Gast, wie fast 80 Prozent des Backes-Publikums Stammgast.

An Karneval wird das Kölsch wie überall teurer. "Wir sind die angesagte Karnevalskneipe" behauptet Barbara, deren Gäste beispielsweise seit zehn Jahren aus dem Schwarzwald anreisen, um hier an allen Tagen Karneval alternativer zu feiern. Die Wirte denken sich jedes Jahr ein eigenes Karnevals-Motto und die passende Dekoration aus. Auch an Weihnachten ist die Kneipe entsprechend geschmückt. Kitsch-Weihnachtsbaum und kleine Krippe stehen dann an der Theke, über der Tür der Krippe der Schriftzug "Backes" und das Reissdorf-Logo. Daneben ein weißer Plastikbaum, auf Kitsch getrimmt mit kleinen Discokugeln, rotem Lametta und einer schief sitzenden goldenen Spitze. Die gesamte Kneipendecke ist mit schwerem rotem Samt verhangen, noch von der Session 2004. Über der Theke hängt eine große Fahne mit dem Kölner Stadtwappen. Ein Wimpel von Fortuna Köln und ein Oberliga-Plakat, Fortuna Köln – Union Solingen, findet man auch. Hier hält man wohl eher zum zur Zeit erfolglosen Südstadt-Club als zum übermächtigen FC.

Am „Explore-Südstadt-Kneipenmarathon“, den 2004 viele Szenekneipen der Südstadt organisiert hatten, wollte Franz nicht teilnehmen. "Nix für mich", sagt er, der von solchen Werbeaktionen wenig hält und auch wenig Kontakt zu anderen Wirten der Südstadt pflegt. "Den Zusammenhalt im Veedel gibt es schon, viele kennen sich untereinander" sagt Barbara Petry, die denkt, dass die große Bandbreite an Berufen der Anwohner das gute Südstadt-Flair ergibt. Der Backes ist nicht die typische Veedelskneipe op dr'Eck, er ist eher ein Treffpunkt, wo man über Kultur, Politik, Wirtschaft und die Entwicklung im Veedel redet und dabei Bier trinkt. "Das Zentrum fürs Wesentliche" nennt Barbara den Backes. Berühmte Kölner Künstler und Musiker trifft man hier auch. Die Wirte sorgen dafür, dass sie anonym bleiben, doch wer öfter im Backes ist, wird sie kennen. Ob sie auch Mitglied im Club der anonymen Verlierer sind, weiß keiner.

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